End of Life Doula - Gedanken zum Thema

Aktualisiert: 10. Okt.

Im letzten Sommer habe ich eine Ausbildung dazu an der Universität Vermont gemacht



Wir hören nicht gerne vom Sterben und reden noch weniger gerne darüber. Jeweils gegen Ende eines Jahres scheint es, als ob mehr gestorben wird als zu Beginn. Vielleicht hat dies mit der Synchronizität der Lebensläufe der Natur zu tun, zu der wir nun auch einmal gehören. Dieses Jahr war für mich ein Jahr mit mehreren Verlusten, und es deckte so fast alles ab, was einem widerfahren kann: von Jung (33) zu noch im Leben (74) bis zu langem Leben (88), von selbstgewählt, selbstbestimmt (Exit) bis zum natürlichen Tod habe ich in diesem Jahr den Tod Nahestehender und weniger Nahestehender begleitet oder auch nur von Ferne mitgetragen. Die Rolle, die einem zugewiesen wird, ist meist eine nicht gewählte. Als ich mich für einen der wenigen existierenden Kurse zum Thema "End of Life Doula" für Tiere (und eigentlich Menschen) entschieden hatte, wusste ich noch nichts von dem, was sich noch in diesem Jahr ereignen sollte. Eigentlich hoffte ich, durch den Kurs besser mit dem Tod und dem Sterben umgehen zu können. Denn offenbar wurde es mir in die Wiege gelegt, zu den Trauernden an den Gräbern auch Unbekannter zu gehören, also jenen, die Tränen verfliessen, in Stellvertretung der Abwesenden.

Es kam etwas anders. Der Kurs war so aufgebaut, sich nur schriftlich miteinander auszutauschen. Das hatte mich am Anfang etwas enttäuscht. Dann war ich aber froh, dass ich mich nicht an feste Zeiten des Austauschs haben halten müssen. Die Ausbildung bestand darin, Selbstreflexion zu üben. Wie interpretiere ich die Dying Animal’s Bill of Rights?, die es für Menschen, aber nicht eigentlich für Tiere gibt? Hat das Tier das Recht, dass sein Mensch beim Sterben dabei zu sein hat? (wenn es Menschen gibt, die bei der Euthanasie ihres Hundes aus dem Arztzimmer gehen?) Was sind die körperlichen und seelischen Bedürfnisse von pflegenden Menschen und wie kann ich ihnen als End of Life Doula begegnen? Was ist überhaupt eine "End of Life Doula" im Vergleich zu einer Sterbebegleitung? Was, wenn ich meinem Hund einen natürlichen Tod "wünsche"? Die "End of Life Doula" unterstützt den Menschen im Prozess der Veränderung. Sie ist quasi "beste Freundin auf Zeit". Sie kennt sich aus mit den Prozessen, nicht nur des Sterbens oder der Euthanasie, sondern auch mit Alltagstipps, wie ganz praktisch ein Tier versorgt werden kann. Sie unterstützt bei Entscheidungsfindungen, nicht, indem sie ihre Meinung sagt, sondern indem sie zuhört. "Holding space", ein zentraler Gedanken des achtsamen Umgangs, kam immer wieder als Thema auf in den Diskussionen unter den Teilnehmenden. "Holding space" heisst "Raum halten". Dies bedeutet, dass der, der "Raum hält", ihn eben nicht betritt, ihn nicht mit seiner eigenen Meinung, Erfahrung, seinen eigenen Ängsten füllt. "Raum halten" ist dem Anderen, der es gerade braucht, bewusst Raum geben. Ein weiteres Wort war "compassion". Wortwörtlich übersetzt heisst dies "Mitleid". Das erscheint mir aber eine etwas unglückliche Bedeutung. "Mit-leiden" kann dazu führen, dass wir unser eigenes (erinnertes) Leid auf das Leid des Anderen draufpacken. Wenn unser Hund krank ist, leiden wir mit. Meist ist dies für den Hund keine Hilfe, sondern eine weitere Bürde. "Compassion" ist etwas anderes. In meinem Sinne ist es eher eine Begleitung (com-) während einer gefühlsintensiven Zeit, die Leiden, Leidensgeschichte und Leidenschaft in einem ist (passion). In der Leidenschaft sind die Gefühle stark.


Jeder hat seine eigenen Geschichten mit dem Sterben. Und Gedanken wie: ich will das einmal für mich anders. Im Kurs ging es um das Sterben der eigenen Tiere und die Erlaubnis, dass dieses Sterben für die eigene Gefühlswelt so schmerzhaft sein darf wie bei Menschen. Meine Hündin ist jetzt sechs Jahre alt. Wenn wir beide Glück haben, verbringen wir weitere zehn Jahre miteinander. Sie ist eine kleine Hündin. Grosse Hunde sterben jünger, Doggen werden oft keine 10 Jahre alt. Ich bin froh, dass sie klein ist. Wenn möglich, soll sie eines Tages natürlich sterben dürfen, in meinen Armen, so wie sie oft in meinen Armen liegt. Auch wenn es vielleicht nicht so sein sollte, zumindest habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Was ich bis jetzt weiss oder vermute: jedes Wesen entscheidet selbst, wie es von dieser Welt geht. Nicht, dass dies bewusst entschieden wird, in den meisten Fällen wahrscheinlich nicht. Doch ist es nicht so, dass viele Sterbeprozesse so ablaufen wie die Leben, die dazu gehören? Auch das haben wir im Kurs diskutiert: Wie leben wir heute, im Jetzt, in der Bewusstheit des Todes, der so eng mit dem Leben verknüpft ist? Erst wenn wir mehr darüber wissen, dann sind wir ein klein bisschen gewappnet, wenn wir Anderen zur Seite stehen wollen, als "End of Life Doula". In diesem Sinne, Ihre Susanne Neubauer