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Einladungen sind besser als Ausladungen

Gedanken zur körperlichen Integrität von Haustieren

Ich lese gerade das neue Buch von Ren Hurst, einer Amerikanerin, die sich seit Jahren mit dem Thema Domestizierung von Menschen (v.a. Frauen) und den damit zusammenhängenden Traumatisierungen beschäftigt, nicht wissenschaftlich, sondern aus erster Hand. Da ich dieses Thema als sehr zentral für die Verfasstheit unserer Gesellschaft erachte, gehört es zu meinen Kernthemen, mit denen ich mich selbst auseinandersetze, wenn es um uns und Tiere geht. Hurst verfolgt den Weg, eigene Traumata zu verstehen, indem sie diese mit den Traumatisierungen, die Menschen Tieren antun, gleichsetzt. So ungefähr jedenfalls.

Einen Gedanken möchte ich aufgreifen. Tiere können den Menschen frustrieren, wenn sie an ihnen hochspringen, unvermittelt kratzen oder nach ihnen kicken. Manchmal tun sie das, weil sie etwas wollen. Oder etwas gerade nicht wollen. Wenn Tiere nun etwas tun, was wir nicht wollen, werden sie oft dafür bestraft (körperlich oder verbal, meist geschieht dies aus einer unüberlegten, schnellen Reaktion des Menschen heraus). Dabei tun sie eigentlich immer nur das, was Menschen mit ihnen auch machen: sie anfassen, rumtragen, aus dem Weg drängen.


"Touching captive dependent animals for our own benefit is probably one of the most deeply destructive things we can do in terms of how we affect their ability to self-regulate and be emotionally independent."


"Das Berühren von in Gefangenschaft lebenden, abhängigen Tieren zu unserem eigenen Vorteil ist wahrscheinlich eines der am stärksten zerstörerischen Dinge, die wir tun können, wenn es darum geht, wie wir ihre Fähigkeit zur Selbstregulierung und emotionalen Unabhängigkeit beeinträchtigen." (Ren Hurst, The Wisdom of Wildness, S. 103)


Wie wir Tiere beeinflussen, ist enorm. Sie sind in fast allen Aspekten ihres Lebens von uns abhängig - ausser in ihren Körperfunktionen und -reaktionen und dem Raum, den ihr Körper einnimmt. Trainingsmethoden wie die positive Verstärkung oder Clicker sind äussert manipulative Techniken, um Tiere das machen zu lassen, was Menschen wollen. Ungefragt und unachtsam ein Tier zu berühren bedeutet, seine körperliche Autonomie nicht zu achten.


Was Tieren gehört ist einzig ihr Raum.


Wenn Menschen Tiere berühren, die nicht "ja" dazu gesagt haben, dann ist es nur zum Wohl des Menschen und für deren Befriedigung einer Lücke, die gefüllt werden will. Wenn Tiere Berührung einfordern, ist es oftmals ein Ausdruck "erlernter Hilflosigkeit" (über dieses Konzept müsste ein eigener Artikel geschrieben werden). Dies zeigt sich auch darin, wenn das Tier - insbesondere Hunde - laufend Aufmerksamkeit wollen. Und der Mensch gibt sie gerne, weil er dies mit Liebe verwechselt. Dabei ist es ein Zeichen gegenseitiger Abhängigkeit zu Lasten des Tieres.


Hurst schreibt, jedes Mal, wenn ein Hund den eigenen menschlichen Raum durchdringt (also zum Beispiel an ihm hochspringt), dann zeigt dies, dass sein eigener Raum und seine persönliche Grenze immer wieder verletzt wurden. Es ist ein Verhalten, zu dem er konditioniert wurde. Wenn der Hund "nein" zu einer Interaktion sagt, dann darf ihm gratuliert werden. Es ist sein Schritt in die Selbständigkeit.


In der Trust Technique arbeiten wir ohne Berührung. Der Grund dazu ist zum einen, dass wir die internen Verarbeitungsprozesse der Tiere nicht stören wollen, denn jede Berührung verändert den sog. Thinking Level im Tier (d.h. die Stufe an Emotion/Gefühl). Ein anderer Grund ist, dass wir dadurch dem Tier zeigen, dass sie in ihrer körperlichen und emotionalen Integrität bewahrt sind. Dies ist eine Art von Respekt, auf den das Tier ganz eindeutig reagiert. Das Resultat ist eine engere Verbindung und eine gesündere Beziehung (wenn dieses Haltung auch im Alltag beibehalten bleibt).


Und wie machen?


Verlange keinen Kontakt und achte darauf, dass du den Weg der Bewegung des Tieres nicht in irgendeiner Weise bestimmst, z.B. mit der Leine. Hilfsmittel dienen dazu, das Tier vor Gefahren zu schützen, nicht aber das machen zu lassen, was du möchtest. Wenn du nach deinem Tier die Hand ausstreckst, halte sie in Abstand zum Tier still und beobachte nur. Kommt das Tier eventuell gar zu dir? Zeigt das Tier ein eindeutiges "ja"?, z.B. indem es den Kopf zu dir hinwendet? Oder einen Schritt auf dich zumacht, dir den Kopf unter deine Hand legt? Wenn ja, freu dich am gleichberechtigten Kontakt mit Konsens! Er fühlt sie ziemlich gut an! Achte darauf, dass du dein Tier nicht unnötig aufhebst - auch kleine Hunde müssen nicht getragen werden! Je mehr der Mensch diesen Tieren die körperliche Autonomie nimmt, desto mehr verlieren sie den Kontakt zu ihrem Körper.


Ein Hinweis aus dem Shiatsu und dem Seiki - erkenne den Raum zwischen dir und deinem Tier. Dieser Raum ist nicht "Nichts", er verbindet euch. Er ist mit nährender Luft gefüllt, die unser Qi versorgt und es ist diese Luft, die du und dein Tier einatmen - es ist die gleiche Luft! Beobachte, wie ihr in eurer eigenen Autonomie, euch diesen Raum und diese Luft teilt. Sie kann eine "unsichtbare Leine" sein, an der wir auch arbeiten, wenn wir die Trust Technique machen.


Versuche einmal, einen Tag lang dein Tier nicht zu berühren, sondern nur den Raum zwischen euch wahrzunehmen.


Susanne Neubauer


Hinweise zur Trust Technique Videokurs: https://trust-technique.com/product/trust-technique-lifetime/tt/103/ Kurzeinführung Messages of Trust - aktuell kostenlos buchbar: https://trust-technique.com/product/messages-of-trust/tt/103/









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